Und täglich grüßt Himmelsrand. Eine verwirrende Erzählung in zu vielen Worten

Draußen fällt der Regen in dicken Tropfen vom wolkenverhangenen Himmel. Ich kann es nicht sehen – sowohl meine Vorhänge als auch meine Augen sind fest geschlossen – aber gleichwohl hören: das gleichmäßige, hypnotisierende Prasseln gegen meine Fensterscheibe, das mich tiefer in die Entspannung, tiefer in den Schlaf zu wiegen versucht. Ein seliges Lächeln huscht über meine Lippen, an denen noch immer der Geschmack von Spinat und Vanille hängt. Gibt es einen perfekteren Sonntag als den, den man mit Pizza und Eiscreme besiegelt, während man auf der Couch seinen Fressrausch ausschläft?

Meine Augenlider zucken und öffnen sich dann schlagartig. An meiner Zimmerdecke krabbelt eine kleine, dunkle Spinne vorbei und hält plötzlich inne; ich starre sie an, sie starrt mich an – obwohl ich glaube irgendwo gelesen zu haben, dass Spinnen nur einige Zentimeter weit scharf sehen können. Bevor sich meine Gedanken aber in der Anatomie von Spinnen verlieren können, setze ich mich auf und mein Blick gleitet automatisch zum Fernseher hinüber.

Es gibt einen perfekteren Sonntag als den mit Pizza und Eiscreme. Nämlich den mit Pizza, Eiscreme und Videospielen.

Ich blinzle und spähe kurz zurück zur Zimmerdecke, doch die Spinne hat offensichtlich die Flucht ergriffen. Ich stehe auf und schlendere zu meinem Regal hinüber. Meine Videospielsammlung ist nicht besonders groß, aber es gibt das ein oder andere Schätzchen darin, das ich bisher noch nicht durch-, manchmal gar nicht angespielt habe.

Destiny winkt mir aus der obersten Regalreihe schelmisch zu, direkt daneben steht Wolfenstein: The New Order, fein säuberlich eingeschweißt in Folie, die das Licht von der Deckenlampe reflektiert und mich blendet. Beschämt schlage ich die Augen nieder. Dabei streift mein Blick Little Nightmares und bevor Unbehagen und Schuldgefühle Besitz von mir ergreifen können, drehe ich mich um, setze mich vor den Fernseher und schalte das Gerät und meine Playstation 4 ein.

Plötzlich fühle ich mich beobachtet und komme nicht umhin mich zu fragen, ob es vielleicht die Spinne ist, die mich aus einer dunklen Ecke heraus argwöhnisch beäugt und ihren nächsten Schachzug plant. Ich bin überzeugt davon, dass sie versuchen wird – wohl eher früher als später – ein neues Zuhause in meiner Mundhöhle zu finden, während ich nichts ahnend schlafe. Das war doch sicher der Grund, weshalb sie vorhin über meinem Gesicht an der Decke schwebte, bereit sich in bester Tom-Cruise-Mission-Impossible-Manier von der Decke zu schwingen und ihr neues Heim in Beschlag zu nehmen. Jeder Mensch isst pro Jahr im Schlaf bis zu acht Spinnen, habe ich schließlich mal irgendwo gelesen und – sind das eigentlich Kamikazespinnen? Haben die eine heimliche Todessehnsucht? Warum sollte eine (wie auch immer kurzsichtige) Spinne so etwas Dummes tun? Vielleicht sollte ich nicht alles glauben, was ich irgendwo lese.

In meiner Playstation-Bibliothek (Videothek? Mediothek?) rattern die Kacheln über den Bildschirm – Spiele über Spiele, die ich mal gekauft, mal über PS Plus abgestaubt und so sicher wie das Amen in der Kirche kein einziges Mal gespielt habe. So viele Abenteuer, die darauf warten, erlebt zu werden. So viele Welten, die von mir entdeckt werden, so viele Charaktere, die mir ihre Geschichten erzählen wollen. Wo fängt man da nur an?

Ich seufze, blättere in dem virtuellen Katalog nach rechts und links, wieder nach rechts, zurück nach links.

Ob man im Schlaf wohl auch mal zwei Spinnen auf einmal isst, die gerade um die Vorherrschaft kämpfen, sich auf ein tödliches Duell eingestellt haben und dann einfach von mir verschluckt werden? Ich sollte das mal googlen. Aber nicht jetzt.

Denn jetzt wird mein Bildschirm von einem silbernen Drachensymbol auf schwarzem Grund ausgefüllt und aus den Boxen dröhnt ein tiefer Männerchor. Ich habe The Elder Scrolls V: Skyrim gestartet, ohne es überhaupt zu merken. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich es zuletzt gespielt habe. Ich weiß nicht wer, wo oder warum ich war. Und das kann nur eines bedeuten: Ich muss wohl von vorn beginnen. Einmal habe ich Skyrims Hauptquest beendet. Etwa 30 verschiedene Charaktere habe ich seitdem erschaffen und an verschiedenen Stationen ihres Lebens wieder eingestampft.

Es ist nun einmal ein ungeschriebenes Gesetz: Wenn mensch ein RPG so lange nicht gespielt hat, dass sie*er nicht mehr weiß, wo sie*er war, muss neu anfangen werden. Dragon Age: Inquisition habe ich 14 Mal begonnen, Mass Effect: Andromeda acht Mal. Die jeweiligen Vorgänger zu oft, als dass ich mich erinnern könnte.

Die unendlichen Weiten des Weltalls… äh, Skyrims erkunde ich heute mit einer magiebegabten Argonierin. Sie reist lieber durch Flüsse als über Straßen und schockfrostet ihre Feinde. Eigentlich sollte sie gesetzestreu sein, aber als ich einem einsamen Wanderer begegne, juckt es mir in den schuppigen Fingern und ehe ich mich versehe, habe ich ihn umgebracht und ausgeraubt. Ups. Ich murmele ein ersticktes “Entschuldigung“ und laufe so weit weg, wie ich kann. Dann werfe ich alle meine Prinzipien über den Haufen und schließe mich der Dunklen Bruderschaft an.

Zeit für eine Pause. Spielfeldwechsel. Genug Skyrim für heute. Ich sollte etwas Neues probieren, eines der vielen unbeachteten Spiele aus meiner Bibliothek oder dem Regal hinter mir. Fast kann ich die vorwurfsvollen Blicke der Figuren auf den Spielecovern in meinem Rücken spüren, als ich stattdessen Uncharted 4: A Thief’s End starte. Hey, es ist kein RPG! Außerdem liebe ich die Stimmen von Nolan North, Troy Baker, Laura Bailey und auch Warren Kole, der einen schneidigen Rafe Adler zum Leben erweckt. Und ich habe es erst fünf Mal durchgespielt! Das ist fast wie vier Mal, was wie drei Mal ist, was – wie wir alle wissen – eigentlich nur zwei Mal ist, was fast nur einmal ist, was bekanntermaßen ja schließlich kein Mal ist.

Ich gönne mir ein paar Stunden Abenteurerfeeling mit Nathan und Sam Drake, dann ist es Zeit für einen Snack. Die Packung M&M’s lässt sich mit Leichtigkeit öffnen, aber als ich die bunten Schokolinsen in ein Glas schütten möchte, kugeln ein paar von ihnen daran vorbei und veranstalten ein Wettrennen unter meine Couch. Ich unterdrücke leise Flüche und überlege einen Augenblick lang, ob es sich lohnt, ihnen hinterher zu hechten.

Mögen Spinnen eigentlich Schokolade?

Ich überlasse die abtrünnigen Süßigkeiten ihrem qualvollen Schicksal zwischen den Staubflusen unter meinem Sofa und starte stattdessen mein nächstes Spiel… Tomb Raider. Aus den Regalreihen hinter mir ertönt das genervt-enttäuschte Seufzen von B.J. Blazkowicz, der vermutlich lieber Nazis über den Haufen schießen würde anstatt weiter in Klarsichtfolie eingeschweißt in meinem Wohnzimmer zu versauern. Ich vertröste ihn auf irgendwann einmal und schieße derweil mit Lara Crofts Hilfe und einem selbstgebastelten Bogen Rehe über den Haufen. Ist doch fast dasselbe. Mache ich ja außerdem auch erst zum dritten Mal.

Irgendwann neigt sich mein Sonntag dem Ende entgegen, der Regen prasselt noch immer gegen meine Fensterscheibe, die Sonne ist längst untergegangen und die M&M’s unter meiner Couch sind so gut wie vergessen.

Irgendwo hängt eine Spinne in der Ecke meines Wohnzimmers und bereitet sich auf ihre nächtliche Mission vor, sich todesmutig und lebensmüde in meinen Rachen zu stürzen. Vielleicht gönnt sie sich vorher einen Bissen Schokolade und genießt die letzten Stunden ihres Lebens. Ich spiele derweil mal wieder Skyrim. Dieses ganze Grübeln über Spinnen hat mich daran erinnert, dass es in Himmelsrand viel zu viele von den Biestern gibt.

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