Ausgekramt: Mystic House [1997?]

Es gibt großartige Spiele. Es gibt gute Spiele. Es gibt passable Spiele. Es gibt schlechte Spiele. Es gibt furchtbare Spiele.

Und es gibt Mystic House.

Es ist das mit Abstand schlechteste Spiel, das ich jemals gespielt habe, aber das ist nicht der Grund dafür, dass ich ihm diesen Beitrag widme.
Hier soll es nicht (ausschließlich) darum gehen, warum dieses Horror-Adventure den Namen „Adventure“ nicht, den Namen „Horror“ schon, wenn auch anders als gedacht, verdient hat oder wieso es die reinste Zeitverschwendung ist, die CD-Rom auch nur ins Laufwerk einzulegen, oder weshalb mensch das Geld besser verbrennen könnte als ein Exemplar dieses Spiels bei Ebay zu ersteigern.

Nein, dieser Beitrag ist eine Liebeserklärung.

Aber vielleicht fangen wir kurz von vorne an: Mystic House ist ein First Person Spiel, das vermutlich dem Genre Horror oder Mystery zugeordnet werden möchte. Die Informationen über das Game sind rar gesät, so konnte ich beispielsweise nicht herausfinden, wem wir diese Perle der Videospielgeschichte eigentlich zu verdanken haben oder wann genau das Spiel überhaupt erschienen ist (die Quellen variieren, aber verortet wird es irgendwo zwischen 1995 und 1997).

In meinen Besitz gelangte es das erste Mal in Form einer Spielesammlung eines Discounters, die noch andere ähnlich herausragende Games beinhaltete (darunter unter anderem eines Namens Yucatan, dessen Name das einzige ist, woran ich mich überhaupt erinnern kann, ein Börsenspekulationssimulator namens Broker und Pool Champion, dem ich meine Kenntnisse sämtlicher Billardregeln zu verdanken habe – aber das sind Anekdoten für ein anderes Mal).

Mystic House beginnt mit einem kurzen Intro, in dem die Kamera näher und näher an ein Haus heranfährt, während die Stimme des Protagonisten aus dem Off erzählt, dass er bei seinem täglichen Spaziergang an dem alten und verlassenen Landhaus vorbei dieses Mal „magisch“ davon angezogen wurde.

Die Stimme des Sprechers gibt übrigens schon einen guten Vorgeschmack auf das, was in den nächsten 30 bis 40 Minuten Spielzeit folgt: Ich glaube, ich habe noch nie jemanden dermaßen gelangweilt die Prämisse eines Videospiels vortragen gehört. Immerhin hatte die*der Macher*in des Spiels offenkundig Spaß am Gestalten von Lichtreflexen (auch wenn diese wenig Sinn ergeben, aber Hut ab für so viel Engagement!).

Sowohl optisch als auch erzähltechnisch ist das Intro im Übrigen der Zenit dieser kurzweiligen Videospielsensation, weshalb ich den Rest der Geschichte nun nur noch kurz zusammenfassen werde (Achtung, Spoiler, oder so?):

Im Haus angekommen gilt es, wieder hinaus zu finden. Natürlich ist die Vordertür verschlossen, aber mithilfe eines sprechenden Türklopfers (an der Innenseite der Tür?), zwei Geistern im Kaminzimmer und der Bibliothek und einem Troll auf dem Dachboden gelingt es schließlich, zum Oberboss der Geisterriege vorzudringen (sein Name ist übrigens McMoss). Auf dem Weg sammle ich ein paar Gegenstände ein, finde Schlüssel und löse ein oder zwei Rätsel, um voranzukommen. McMoss‘ Niedergang führe ich schließlich herbei, in dem ich sein aufgeplustertes Ego verspotte. Danach kann ich ungehindert das Haus verlassen.

Und sie lebten glücklich bis an ihr Lebensende. Naja, ich lebe glücklich bis an mein Lebensende, alle anderen Beteiligten der Geschichte sind ja schon ziemlich tot.

Mystic House ist einfach ein gruselig schlechtes Spiel mit peinlich Dialogen, vorgetragen von miesen Sprechern (ich bin ehrlich gesagt nicht einmal ganz sicher, ob es sich nicht um ein und denselben miesen Sprecher mit wenigstens geringfügig vorhandenem Talent zum Stimmenverstellen handelt), und lahmen Rätseln.

Es ist zudem ein wenig trashig, was mir immerhin an der ein oder anderen Stelle schon einmal ein Lachen entlocken konnte; aber keinesfalls ist es so trashig, dass ich es kultig nennen würde und darauf bestünde, dass jeder in diesem Universum es mindestens einmal in ihrem*seinem Leben gespielt haben müsste.

Aber hatte ich nicht irgendwas von einer Liebeserklärung gefaselt? Ja doch!

Trotz seiner vielfältigen Mängel habe ich dem Spiel nämlich auch so einiges zu verdanken und genau deshalb zählt es zu den Dingen, die ich wider besseren Wissens und entgegen jedweder Logik in mein Herz geschlossen habe.

Es war mein Einstieg in die große weite Welt des Mysteriösen und Paranormalen und ein Mitbegründer meiner auch zwanzig Jahre später immer noch blühenden Liebe und aufrichtigen Zuneigung für dieses Genre, das sich als integraler Bestandteil meines (literarischen) Lebens erwiesen hat.

Ich möchte und sollte an dieser Stelle wohl erwähnen, dass die schonungslose Kritik an diesem Videospiel meinem erwachsenen, kritischen und rationalen Ich entspringt; mein etwa achtjähriges Ich war ernsthaft gegruselt von der Idee eines alten Spukhauses, der ominösen Musik des Intros und der Stille in den Räumen, nur unterbrochen von den zwischendrin eingeworfenen Geräuschen quietschender Türen, prasselnden Regens an der Fensterscheibe und Schritten auf der Treppe ins Obergeschoss (obschon ich sprechende Türklopfer und Bettlakengeister schon damals wenig überzeugend unheimlich fand).

Mindestens hat es meine Fantasie so sehr beflügelt, dass es die Vorlage für eine meiner ersten (Grusel-)Geschichten wurde – und damit den Grundstein für meine späteren literarischen Auswüchse legte. Denn wenn ich auf meine mittlerweile gut zwei Jahrzehnte umfassende Schreib“karriere“ zurückblicke, ziehen sich mysteriöse Begegnungen mit dem Unerklärlichen und der dazugehörige gruselige Schauer wie ein roter Faden durch beinahe jedes meiner Werke.

Und wer kann schon sagen, ob ich ohne diesen Meilenstein meiner ganz persönlichen Videospielgeschichte den nächsten Schritt in diese Richtung gegangen wäre; ob ich Resident Evil und später Silent Hill auch nur eines Blickes gewürdigt hätte, ob ich Stephen King gelesen oder sämtliche Horrorfilme aus sicherer Entfernung bewundert hätte (ohne sie jemals zu schauen, weil sie meine Paranoia dermaßen beflügelt hätten, dass ich entweder wahnsinnig oder auf der Stelle an einem Herzinfarkt gestorben wäre – was so viel heißt wie: Ich habe viele Horrorfilme nachzuholen).

Und wer kann schon sagen, ob ich heute noch schreiben würde, wenn die Faszination des Genres mich nicht vorangetrieben, wenn ich nicht diese Sorte von Geschichten gefunden hätte, die mich überhaupt erst zum Schreiben fiktionaler Werke inspirierte?

Und auch wenn ich sicher bin, dass dieses spezielle Videospiel aus den 1990er Jahren unmöglich der alleinige Auslöser dieser Kettenreaktion gewesen sein kann, so bin ich dennoch überzeugt, dass ihm ein nicht unwesentlicher Anteil daran zu verdanken ist.

Genau deshalb biete ich dem Spiel mit diesem Artikel eine Bühne, feiere das schlechteste Videospiel, das ich persönlich jemals gespielt habe, und ergieße mich in einem Eintausend Worte langen Monolog darüber, weshalb es trotzdem zugleich mit das Beste ist, das mir jemals passierte.

Ja, Mystic House ist schlecht. Und ja, ich liebe es.

Den Kauf des Spiels kann ich übrigens wirklich niemandem empfehlen – aber wer dennoch einmal einen Blick auf Mystic House werfen möchte, für den habe ich auf meinem YouTube-Kanal ein kurzes Let’s Play [externer Link] da gelassen.

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